Ich nehme an, dass mich viele von Ihnen überhaupt nicht oder nur wenig kennen; deshalb werde ich versuchen, ohne Sie jedoch langweilen zu wollen, Ihnen meine Geschichte zu erzählen. Ich heisse "Pietra Ollare", was man ubersetzen kann mit Speckstein oder Topfstein, da ich hauptsachlich zur Topfherstellung benutzt wurde. Mein richtiger Name ist jedoch "Pietra verde di Chiavenna", was bedeutet "grüner Stein aus Chiavenna" (talcoscisto = Talkschiefer).
Damit Sie mich leicht erkennen können, verrate ich Ihnen, dass ich ein feinkörniger Stein bin, grau mit einem leichten grünen Stich und mit einer feinen schwarz-weissen Maserung.Ich bin zart und zerbrechlich und möchte behutsam behandelt w erden.
Ich liebe es, im Valchiavenna zu leben und besonders in Piuro, wo jahrhundertealte Spuren meines Daseins zu finden sind. Hier in Piuro habe ich meine ersten Schritte gemacht. Ich bin diesem lebensfrohen Flecken - einst bevölkert von Edelfrauen und Edelmännern, denen ich zur Verschönerung ihrer Paläste diente, die heute noch existieren und die man sogar noch kann besichtigen. Es ist der Palazzo Vertemate-Franchi, der den heftigen Bergrutsc h, der am 4. 9. 1618 vom Monte Conto oberhalb des Dorfes herabstürzte und es begrub, überlebte.
Ich wurde in ganz Europa berühmt und gesucht, ganz besonders wegen der Töpfe, die zum Kochen von Lebensmitteln (laveggi) und zu deren Aufbewahrung (füragn) dienten. Dies ist meinen Eigenschaften zu verdanken, denn ich verstärke den Geschmack der Speisen u nd neutralisiere darin eventuell vorhandene Gifte.
Auch wurde es immer schwieriger wahrend des 15. Jh. wegen der Kriege im Mittelmeer, Keramik aus Afrika zu importieren. Von diesem Zeitpunkt an war ich nicht mehr nur lokal interessant, sondern wurde auch international wichtig. Ich begann, in der Welt herumzukommen und hielt mich an den edelsten Höfen Europas auf; aber ich fühlte mich doch immer meinen Wurzeln zugehörig, Piuro; zu den Handwerkern, die mich mit Geduld und Hingabe zu bearbeiten wussten und m ich in begehrte Objekte verwandelten. Als sich im fernen 1618 das unheilvolle Schicksal auf Piuro legte, war ich bestürzt. Viele Handwerker kamen um. Andere kamen, aber es war nicht mehr wie früher.
Seit 1866 bin ich immer mehr in Vergessenheit geraten, dies insbesondere auch wegen der Konkurrenz der Metalltöpfe. Mein bedeutungsvoller Auftritt gehört leider der Vergangenheit an, aber ich bin nun bereit, von vorn anzufangen.
Meine Hoffnung stützt sich nun auf einen jungen Handwerker aus Piuro, der, geschickt und eigensinnig, sich mit tradizioneller Methode meiner Bearbeitung widmet. Damit legt er Zeugnis einen glorreichen Vergangenheit ab, die uns angehört. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass dieses eigenwillige Unterfangen unseres treuen Helden weiterhin erfolgreich Spuren in der Geschichte hinterlassen wird.